„SCHEISS PROBEN, SCHEISS TEXT UND ÜBERHAUPT…“

Klaus ist etwas schräg. Albert entdeckt den zweiten Frühling gleich doppelt. Beatrice entwickelt ungeahnte kriminelle Energie. Lilly droht der Rückfall. Alice leidet an Eifersucht. Lisa rutsch das Herz in die Hose. Und über allen schwebt das Damoklesschwert des Gesetzeshüters.

Wie man sowas auf die Bühne bringt? Mit viel Einsatz, Text büffeln, je länger desto weniger zögerlichen Annäherungsversuchen und sehr viel Weglachen der eigenen Scheu. Manchmal ist es kaum zu glauben, dass aus anfangs schüchternen Szenen ein lebendiges, komisches Theater wird. Es ist jedes Mal aufs Neue begeisternd, wie ein Ensemble während den Proben zusammenwächst und irgendwann den Punkt erreicht, wo alles wie von selbst über die Bühne geht.

Bis dieser Zeitpunkt erreicht ist, herrscht Ungewissheit und Chaos. «Wieso weiss ich den Text nicht», ärgert sich Albert. «Diesen Einsatz verpasse ich jedes Mal», stöhnt Alice. «Mit dir flirten kann ich einfach nicht», flennt Beatrice. «So ein Mist, dieser Satz!», flucht Lilly. Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt vergehen auf der Bühne oft nur Sekundenbruchteile.

Magisch dann der Moment, wenn man sich plötzlich aufeinander verlässt. Die Sätze Form und Farbe bekommen. Der Ablauf im Schlaf beherrscht wird. Die Buchstaben im Textbuch wahres Leben eingehaucht bekommen. Die Figuren mit den Darstellern verschmelzen. Die Ideen des Autors und der Regie sich vereinen. Alle sich ihre Rolle einverleiben.

Ok, vier Wochen vor der Premiere ist dieser Zeitpunkt nicht erreicht, noch nicht. Aber er tauch von Zeit zu Zeit auf und sorgt dafür, dass die Ungewissheit der Hoffnung weicht und die Scheu dem forschen Auftreten. Es wird gut, denk ich mir beim Beobachten der Proben. Es wird gut.

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